Forschungs­programm

Um Forschung auf hohem Niveau zu betreiben, bedarf es einer Fokussierung. Die aktuellen Forschungs­aktivitäten am Lehr­stuhl konzentrieren sich vor allem auf fünf Forschungs­schwerpunkte:

  • Risiken und Störungen in Lieferketten

    Der erste Forschungs­schwerpunkt beschäftigt sich mit Risiken und Störungen in Lieferketten. Im Kern geht es dabei um jene Risiken, die aus den vernetzten Material-, Informations- und Geldflüssen zwischen Unternehmen und ihren Lieferanten entstehen. Dabei sind sowohl Situationen vor dem Eintritt eines Risikoereignisses (Unsicherheit) als auch Situationen nach dem Eintritt eines Risikoereignisses (Störungen bzw. „Disruptions“) zu betrachten.
    Im ersten Fall ist vor allem die Identifikation, Bewertung, Prognose und das proaktive Management dieser Risiken interessant. Wichtig ist hier die Erforschung des Zusammenhangs zwischen der Struktur bzw. dem Design von Lieferketten und der Eintrittswahrscheinlichkeit von bestimmten Lieferrisiken. Hier besteht noch erheblicher Forschungs­bedarf. In einem aktuellen Projekt werden die von Unternehmen identifizierten Risiken weiter analysiert.
    Im zweiten Fall geht es um Fragen, wie Unternehmen auf konkrete Störungen reagieren und welche Implikationen das Verhalten nach sich zieht. Hier lassen sich zunächst kurzfristige und langfristige Reaktionen unterscheiden. Kurzfristige (bzw. unmittelbare) Reaktionen zielen darauf ab, die Störung möglichst schnell zu beheben und die Lieferkette wieder in einen funktionierenden Zustand zu versetzen. In einem aktuellen Projekt wird beispielsweise die Rolle von Entscheidungs­prozessen, Routinen und die Zusammenarbeit mit involvierten Lieferanten bei der Behebung einer Störung betrachtet. Bei den langfristigen Reaktionen stellt sich die wichtige Frage, wie Unternehmen aus Erfahrungen lernen und dadurch eventuell zu einem verbesserten Risiko­management gelangen. Eine wichtige Fragestellung ist in diesem Zusammenhang auch, welche Auswirkungen Lieferstörungen auf bestehende Lieferantenbeziehungen haben (z.B. Attributions­stile, Verlust und Wiedergewinnung von Vertrauen).

  • Gestaltung von Lieferantenbeziehungen

    Ein zweiter Kern­bereich der Forschungs­aktivitäten umfasst die Beziehungen zwischen Kunden und Lieferanten. Konkret werden hier drei Themen bearbeitet.

    Ein erstes Thema fokussiert auf Konflikte in Kunden-Lieferantenbeziehungen. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie es zu Konflikten in bestehenden Lieferantenbeziehungen kommt, welche Rolle dabei Abhängigkeit, Vertrauen und die vorangegangene Beziehungs­historie spielen und wie diese Konflikte in konstruktiver statt in destruktiver Weise behoben werden können.

    Das zweite Thema beschäftigt sich mit der Verteilung von Werten, die im Rahmen einer partnerschaft­lichen Zusammenarbeit zwischen einem einkaufenden Unternehmen und einem Lieferanten erarbeitet werden. Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit der Generierung von solchen Werten beschäftigen, aber nur wenige Studien, die sich mit der Frage beschäftigen, wie solche Werte verteilt werden sollten, damit beide Seiten das Verteilungs­ergebnis als fair betrachten. Ein besseres Verständnis dieses Zusammenhangs ist für das Management langfristig stabiler Beziehungen sehr wichtig.

    Im dritten Thema wird die Gestaltung von Vertragsstrukturen und Vergütungs­modellen beim Einkauf von komplexen Dienstleistungen betrachtet. Gerade in der Kontraktlogistik ist die Vertragsgestaltung oft sehr kompliziert und die Wirkung der vereinbarten Regeln kaum vorhersehbar. Für solche Situationen sollen Gestaltungs­empfehlungen für adäquate Vergütungs­modelle entwickelt und getestet werden.

  • Innovationen und Entrepreneurship in Lieferketten

    Dieser Forschungs­schwerpunkt zielt auf das Thema Lieferanteninnovation und insbesondere die Zusammenarbeit mit innovativen Lieferanten. Einerseits geht es um die Frage, wie einkaufende Unternehmen durch Wissensaustauschmechanismen und Entwicklungs­programme ihre Lieferanten in die Lage versetzen können, Innovationen zu generieren („Innovation Pull“). Andererseits geht es um die Frage, unter welchen Umständen Lieferanten ihren Kunden aktiv Innovation anbieten („Innovation Push“). Hier spielen Anreiz­strategien und Governance-Mechanismen eine bedeutende Rolle.

    Eine besondere Situation ist der Umgang mit jungen Unternehmen als Lieferanten. Start-ups – also junge Unternehmen, die erst wenige Jahre aktiv sind – spielen bei der Entwicklung von neuen Produkten und Prozessen oft eine wichtige Rolle. Diese Innovations­kraft wird von etablierten Unternehmen gerne genutzt, indem sie Start-ups als Lieferanten auswählen und in ihre Lieferkette integrieren. Zusammen mit Projekt­partnern wird hier untersucht, wie einkaufende Unternehmen mit Start-up-Lieferanten umgehen und welche Unterschiede es bei der Auswahl und Integration dieser Lieferanten im Vergleich zu etablierten Unternehmen gibt.

  • Nachhaltigkeits­management im Einkauf

    Das nachhaltigkeits­bezogene Handeln von Unternehmen, insbesondere auch in der gesamten Wertschöpfungs­kette, rückt aktuell immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. In der Vergangenheit wurden Nachhaltigkeits­kriterien im Wertschöpfungs­management von Unternehmen oft nur wenig beachtet, obwohl sie dort besonders bedeutsam sind. Dies wird am Beispiel von Apple deutlich, dessen Erfolgsgeschichte von Berichten über unhaltbare Arbeits­bedingungen in den Fabrikhallen seines Lieferanten Foxconn getrübt wird. Kostspielige Rückrufaktionen von mit bleihaltiger Farbe verseuchter Ware des Spielzeugherstellers Mattel sind ebenfalls ein prominentes Beispiel. Und auch obwohl Nike mittlerweile zahllose CSR-Initiativen mit Lieferanten ins Leben gerufen hat, wird das Unternehmen immer noch oft mit dem rufschädigenden Begriff „Sweatshop“ assoziiert. Einerseits können einkaufende Unternehmen das Verhalten ihrer Lieferanten im Hinblick auf Nachhaltigkeit durch verschiedene Strategien beeinflussen. Andererseits ist es aufgrund von Informations­asymmetrien schwierig, nachhaltiges Verhalten bei Lieferanten überhaupt messbar zu machen. Hier besteht ein erheblicher Forschungs­bedarf. Wichtige Forschungs­fragen reichen von Handlungs­strategien angesichts einer Vielzahl parallel wirkender institutioneller Kräfte bis hin zu konkreten Problemen im Zusammenhang mit der Identifikation und Bewertung von Nachhaltigkeits­risiken in Supply Chains.

  • Strategien und Performance

    Der fünfte Forschungs­schwerpunkt befasst sich mit langfristigen Entscheidungen im Bereich des Einkaufs sowie dem Erreichen und der richtigen Messung von „Performance“, dem zentralen Gegenstand der Betriebs­wirtschafts­lehre.
    Aktuell werden in diesem Bereich zwei Richtungen verfolgt. Zum einen beschäftigen sich Mitglieder des Lehr­stuhls mit Fragestellungen zur Digitalisierung von Einkaufsprozessen. Forschungs­bedarf besteht hier bei der Frage, wie der Einkauf heute aufgestellt werden muss, damit er erfolgreich die nächsten Schritte der digitalen Transformation gestalten kann. Interessante Aspekte sind dabei die Mitarbeiter (Qualifikation), die Organisations­struktur (z.B. zentral vs. dezentral) sowie die bestehenden Prozesse und Systeme. Darüber hinaus werden „Business Networks“ (elektronische „Business-to-Business“ Markt­plätze) untersucht. Diese Markplätze sollen es einkaufenden Unternehmen ermöglichen, alle wesentlichen Schritte des (operativen) Einkaufsprozesses digital abzubilden und mit verschiedenen Werkzeugen (Datenanalysen, Informations­austausch, Lieferantenauswahlmechanismen) zu verbessern. Konkrete Forschungs­fragen stellen sich bezüglich der zukünftigen Entwicklung dieser Markt­plätze, deren Kosten-Nutzen Potentiale für einkaufende Unternehmen, den Konsequenzen für die betriebliche Einkaufsfunktion sowie den in diesem Kontext möglichen Anwendungen.

    Zum anderen geht es um die Determinanten und Performance-Effekte von Führungs­kräften im Einkauf und Supply Chain Management. Wir wollen verstehen, über welche Fähigkeiten und Kompetenzen Führungs­kräfte im Einkauf verfügen müssen, um erfolgreich zu sein. Manche Unternehmen schaffen beispielsweise einen „Chief Procurement Officer“ in ihrem Top Management Team, andere verzichten darauf. Ziel ist es, zu verstehen, warum und unter welchen Bedingungen diese Position besetzt wird und welche Auswirkungen das auf Performancekennzahlen des Supply Chain Managements hat.