43 Milliarden Euro Schaden in nur einem Sommer? Das ist erst der Anfang.

09.07.2026

Warum ein Extremwetter-Sommer Europa noch Jahre Milliarden kostet

Der Sommer 2025 hat sich in das Gedächtnis Europas eingebrannt. Hitzewellen, die Städte in Backöfen verwandelten, und sintflutartige Regenfälle, die ganze Landstriche unter Wasser setzten. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bereits für 2026. Ende Juni leidet Europa bereits unter einer historischen Hitzewelle.

Während Gesellschaft, Medien und Politik über die Aus­wirkungen der Wetterextreme auf Menschen, Tier und Natur diskutieren, hat sich auch das Forscher­team um die Betriebs­wirtin Dr. Sehrish Usman (Universität Mannheim) die Frage gestellt: Was kosten uns diese Katastrophen wirtschaft­lich?

Mehr als zerstörte Häuser: Die versteckten Kosten von Extremwetter

Die Antwort ist weitaus beunruhigender, als die meisten von uns annehmen. Wenn in den Medien von „wirtschaft­lichen Verlusten“ z. B. durch eine Flut die Rede ist, bezieht sich dies meist nur auf die direkten physischen Schäden: zerstörte Gebäude, Straßen oder Maschinen. Diese aus der Versicherungs­wirtschaft stammende Definition ist irreführend, da sie nur einen Bruchteil des wahren Schadens erfasst. Das Forscher­team zeigt auf, dass diese direkten Schäden nur die Spitze des Eisbergs sind. Extremwetterereignisse sind ein schleichendes Gift für unsere Wirtschaft, dessen volle Wirkung sich erst über Jahre entfaltet. 

Die Forschenden bewerten in Ihrer Unter­suchung den Verlust an Bruttowertschöpfung (BWS), einfach ausgedrückt: die gesamte wirtschaft­liche Aktivität und somit auch indirekte, verdeckte und langfristige Kosten.

Ein perfektes Beispiel sind Hitzewellen. Sie verursachen kaum direkte physische Zerstörung an Gebäuden. Ihr wirtschaft­licher Schaden ist dennoch immens: Die Arbeits­leistung im Baugewerbe bricht ein, weil Arbeiter bei 40 Grad nicht mehr sicher arbeiten können. Restaurants und Hotels leiden unter weniger Touristen, und die Landwirtschaft kämpft mit Ernteausfällen. All diese Einbußen werden vom Bruttowertschöpfung-Verlust erfasst. 

43 Milliarden Euro heute, 126 Milliarden morgen: Warum die Schäden wachsen

Die Studie zeigt: Allein für das Jahr 2025 schätzen die Forscher die Verluste an Bruttowertschöpfung (BWS) in den betroffenen europäischen Regionen auf 43 Milliarden Euro.

Das Erschreckende bei den Auswertungen der Foscher*innen ist: Die wirtschaft­lichen Folgen eines einzigen extremen Sommers sind nicht nur enorm, sie nehmen über Jahre weiter zu. Basierend auf historischen Daten wird der jährliche wirtschaft­liche Verlust in denselben Regionen bis 2029 auf 126 Milliarden Euro ansteigen – und das selbst unter der Annahme, dass in den Folgejahren keine weiteren Extremwetterereignisse stattfinden. Damit werden bisherige Annahmen, dass die Kosten einer Naturkatastrophe kurz nach dem Ereignis am höchsten sind und dann langsam abklingen, deutlich widerlegt. 

Die Nach­wirkungen wie unter­brochene Lieferketten, langfristige Produktivitätsverluste, Abwanderung von Arbeits­kräften und die Belastung von Unter­nehmens­bilanzen entfalten ihre volle Wirkung erst über Jahre. 

Lieferketten, Staats­finanzen, Regionen: Die langfristigen Folgen für Europas Wirtschaft

Wichtig ist dabei der Hinweis der Autoren, dass diese Zahlen die Verluste in den betroffenen Regionen beziffern und aufgrund komplexer Spillover-Effekte nicht direkt auf das gesamte EU-Bruttoinlandsprodukt übertragbar sind. Es gibt jedoch eine extreme lokale Belastung: Für einzelne Regionen zum Beispiel in Griechenland bedeuten die Dürren einen prognostizierten Verlust von fast 3% ihrer jährlichen Wirtschafts­leistung bis 2029. Ein einziges Wetterereignis kann damit eine regionale Rezession auslösen. Gleich­zeitig machen die wirtschaft­lichen Folgen von Extremwetter nicht an den Grenzen der betroffenen Region halt. Lokale Katastrophen lösen durch die eng vernetzten europäischen Lieferketten kaskadenartige Störungen im gesamten Wirtschafts­raum aus. 

Über­dies erleiden die Staats­finanzen einen doppelten Schlag. Einerseits sinken die Steuereinnahmen, da die wirtschaft­liche Aktivität zurückgeht und Unter­nehmens­gewinne einbrechen. Andererseits steigen die Staats­ausgaben sprunghaft an, da Gelder für Nothilfe, Wiederaufbau und höhere Sozialleistungen wie Arbeits­losengeld benötigt werden. Diese fiskalische Zwickmühle verringert den Spielraum für andere wichtige Investitionen in Bildung, Infrastruktur oder Gesundheit und kann die Staats­verschuldung langfristig erhöhen.

Die Autoren der Analyse bezeichnen ihre eigenen Schätzungen explizit als konservativ. Die tatsächliche wirtschaft­liche Belastung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit noch größer. Die präsentierten Zahlen stellen eher die Unter­grenze des Schadens dar.

Die zentrale Botschaft ist unmissverständlich: neben menschlichem Leid und ökologischen Zerstörung, richtet der Klimawandel auch weitreichende, verborgene und langfristige Schäden im globalen Wirtschafts­system an. Diese zeigen sich nicht nur in den Bilanzen von Versicherungen, sondern in der langfristigen Wirtschafts­leistung ganzer Regionen, in den Staats­haushalten und in den Verbraucher-Preisen, mit denen wir täglich konfrontiert sind.

Die Zahlen zeigen: Aus ökonomischer Sicht lautet die Frage beim Klimawandel längst nicht mehr, ob wir uns Anpassungen leisten können, sondern vielmehr, ob wir es uns leisten können, nicht zu handeln.

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