Warum Frauen seltener an der Börse investieren: Die Rolle der Erziehung

Historisch betrachtet war der Aktien­markt über Jahrzehnte hinweg fast ausschließlich eine Männerdomäne. Aufnahmen des New Yorker Börsenparketts aus dem Jahr 1939 zeigen ein rein männliches Bild. Heute hat sich die Präsenz von Frauen an den internationalen Finanz­plätzen zwar sichtbar gewandelt, doch die rechtliche Gleich­stellung hat nicht zu einer faktischen Parität beim Anlage­verhalten geführt.

Die Gender Investment Gap

Bis heute bestehen erhebliche geschlechts­spezifische Unter­schiede in der Vermögensbildung. Prof. Dr. Alexandra Niessen-Ruenzi, Lehr­stuhl­inhaberin für ABWL und Corporate Governance an der Universität Mannheim, hat zusammen mit Ko-Autorinnen in einer Studie analysiert, warum Frauen trotz formaler Gleich­stellung weiterhin deutlich seltener am Kapital­markt aktiv sind und welche entscheidende Rolle die frühe finanz­ielle Sozialisation bei der Entstehung dieser „Gender Investment Gaps“ spielt.

Das diese Lücke existent ist, ist nachgewiesen: Basierend auf einer repräsentativen Umfrage unter 2.132 Personen ermittelten die Forscherinnen eine Differenz von 14,6 Prozentpunkten in der Börsenbeteiligung, wobei lediglich 17,7 Prozent der Frauen gegenüber 32,2 Prozent der Männer in Aktien, ETFs oder Investmentfonds investieren. 

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass diese Gap auch dann statistisch signifikant bleibt, wenn man Faktoren wie Bildung und Einkommen betrachtet. Diese Zurückhaltung von Frauen am Aktien­markt ist kritisch zu bewerten: Angesichts eines um 25 Prozent höheren Risikos für Altersarmut bei Frauen, stellt die Partizipation am Aktien­markt mit einer durchschnittlichen, erheblich höheren Rendite als bei konservativen Anlage­modellen, keine Option, sondern eine ökonomische Notwendigkeit dar. Frauen verschenken Geld, wenn sie die Beteiligung am Aktien­markt für sich und ihre Geldanlage nicht nutzen.

Die Wurzeln liegen im Elternhaus

Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen laut der Studie in der finanz­iellen Sozialisation im Elternhaus und bei den damit verbundenen ökonomischen Präferenzen. In deutschen Haushalten werden Finanz­themen systematisch seltener mit Töchtern als mit Söhnen besprochen. Während nur etwa ein Viertel der Töchter angibt, dass Eltern aktiv Finanz­themen mit ihnen diskutierten, zeigt sich bei Söhnen eine deutlich höhere Einbindung. 

Da Finanzen oft traditionell als männliches Thema wahrgenommen werden, erhalten Mädchen frühzeitig weniger Impulse, was die Entwicklung einer investitions­affinen Identität hemmt.

Wissens­unter­schiede und psychologische Hürden

Diese Defizite in der Sozialisation münden in messbaren Wissens­unter­schieden und psychologische Hürden. Bei der Abfrage der sogenannten Big Three der Finanz­kompetenz – dem Verständnis von Zinseszins, der Wirkung von Inflation auf die Kaufkraft und der Bedeutung der Risikodiversifikation – schneiden Frauen systematisch schlechter ab. 

Besonders besorgniserregend ist die Lücke bei der Diversifikation, also der Risikostreuung über verschiedene Anlageklassen. Hier wussten lediglich 49,9 Prozent der Frauen die korrekte Antwort, verglichen mit 64,6 Prozent der Männer. 

Ein entscheidender verhaltens­ökonomischer Befund ist zudem die unter­schiedliche Ausprägung des eigenen Selbstvertrauens. Während Männer häufig einen sogenannten Overconfidence-Effekt zeigen – sie sind also oft von der Richtigkeit ihrer Antwort überzeugt, selbst wenn diese falsch ist –, neigen Frauen zu einem signifikant geringeren Selbstvertrauen bei finanz­iellen Fragenstellungen. Sie wählen selbst bei faktisch vorhandenem Wissen häufiger die Antwortoption „Weiß nicht“. Daraus leitet sich eine erhebliche Barriere für den Eintritt am Aktien­markt ab.

Rolle von Vorbildern und Netzwerken

Neben dem Elternhaus prägen auch Vorbilder und soziale Netzwerke den Umgang mit der Börse. Männer orientieren sich hierbei häufiger an externen Experten oder prominenten Investoren wie Warren Buffett oder Elon Musk – sie sind damit unabhängiger von der Sozialisation im familiären Umfeld. 

Frauen hingegen nennen primär Personen aus dem direkten Umfeld wie Väter, Mütter oder Partner. Strukturell erschwerend wirkt der Mangel an informellen Informations­kanälen im weiblichen Peer-Umfeld. Da Frauen einen weniger investitions­affinen Freundes- oder Kollegenkreis haben,– 38,4 Prozent bei Frauen gegenüber 51,2 Prozent bei Männern –, fehlen ihnen die sozialen Interaktions­effekte, die den Einstieg in den Aktien­markt erleichtern könnten.

So schließen wir die Lücke

Um die Gender Investment Gap langfristig zu schließen, empfehlen die Autorinnen der Studie, Folgendes umzusetzen:

  • Finanz­bildung bereits in Schulen verankern, um tradierte Rollenbilder zu durchbrechen;
  • Mädchen gezielt in finanz­ielle Entscheidungs­prozesse einbeziehen;
  • Weibliche Vorbilder fördern, um finanz­ielles Selbstvertrauen zu stärken.

Nur durch eine unabhängige und fundierte Vermittlung von Finanz­wissen kann sichergestellt werden, dass Frauen die Chancen des Kapital­marktes zur Risikominimierung von Altersarmut eigenständig nutzen und eine langfristige finanz­ielle Unabhängigkeit erreichen.

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