Warum Frauen seltener an der Börse investieren: Die Rolle der Erziehung

Die Gender Investment Gap
Bis heute bestehen erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede in der Vermögensbildung. Prof. Dr. Alexandra Niessen-Ruenzi, Lehrstuhlinhaberin für ABWL und Corporate Governance an der Universität Mannheim, hat zusammen mit Ko-Autorinnen in einer Studie analysiert, warum Frauen trotz formaler Gleichstellung weiterhin deutlich seltener am Kapitalmarkt aktiv sind und welche entscheidende Rolle die frühe finanzielle Sozialisation bei der Entstehung dieser „Gender Investment Gaps“ spielt.
Das diese Lücke existent ist, ist nachgewiesen: Basierend auf einer repräsentativen Umfrage unter 2.132 Personen ermittelten die Forscherinnen eine Differenz von 14,6 Prozentpunkten in der Börsenbeteiligung, wobei lediglich 17,7 Prozent der Frauen gegenüber 32,2 Prozent der Männer in Aktien, ETFs oder Investmentfonds investieren.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass diese Gap auch dann statistisch signifikant bleibt, wenn man Faktoren wie Bildung und Einkommen betrachtet. Diese Zurückhaltung von Frauen am Aktienmarkt ist kritisch zu bewerten: Angesichts eines um 25 Prozent höheren Risikos für Altersarmut bei Frauen, stellt die Partizipation am Aktienmarkt mit einer durchschnittlichen, erheblich höheren Rendite als bei konservativen Anlagemodellen, keine Option, sondern eine ökonomische Notwendigkeit dar. Frauen verschenken Geld, wenn sie die Beteiligung am Aktienmarkt für sich und ihre Geldanlage nicht nutzen.
Die Wurzeln liegen im Elternhaus
Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen laut der Studie in der finanziellen Sozialisation im Elternhaus und bei den damit verbundenen ökonomischen Präferenzen. In deutschen Haushalten werden Finanzthemen systematisch seltener mit Töchtern als mit Söhnen besprochen. Während nur etwa ein Viertel der Töchter angibt, dass Eltern aktiv Finanzthemen mit ihnen diskutierten, zeigt sich bei Söhnen eine deutlich höhere Einbindung.
Da Finanzen oft traditionell als männliches Thema wahrgenommen werden, erhalten Mädchen frühzeitig weniger Impulse, was die Entwicklung einer investitionsaffinen Identität hemmt.
Wissensunterschiede und psychologische Hürden
Diese Defizite in der Sozialisation münden in messbaren Wissensunterschieden und psychologische Hürden. Bei der Abfrage der sogenannten Big Three der Finanzkompetenz – dem Verständnis von Zinseszins, der Wirkung von Inflation auf die Kaufkraft und der Bedeutung der Risikodiversifikation – schneiden Frauen systematisch schlechter ab.
Besonders besorgniserregend ist die Lücke bei der Diversifikation, also der Risikostreuung über verschiedene Anlageklassen. Hier wussten lediglich 49,9 Prozent der Frauen die korrekte Antwort, verglichen mit 64,6 Prozent der Männer.
Ein entscheidender verhaltensökonomischer Befund ist zudem die unterschiedliche Ausprägung des eigenen Selbstvertrauens. Während Männer häufig einen sogenannten Overconfidence-Effekt zeigen – sie sind also oft von der Richtigkeit ihrer Antwort überzeugt, selbst wenn diese falsch ist –, neigen Frauen zu einem signifikant geringeren Selbstvertrauen bei finanziellen Fragenstellungen. Sie wählen selbst bei faktisch vorhandenem Wissen häufiger die Antwortoption „Weiß nicht“. Daraus leitet sich eine erhebliche Barriere für den Eintritt am Aktienmarkt ab.
Rolle von Vorbildern und Netzwerken
Neben dem Elternhaus prägen auch Vorbilder und soziale Netzwerke den Umgang mit der Börse. Männer orientieren sich hierbei häufiger an externen Experten oder prominenten Investoren wie Warren Buffett oder Elon Musk – sie sind damit unabhängiger von der Sozialisation im familiären Umfeld.
Frauen hingegen nennen primär Personen aus dem direkten Umfeld wie Väter, Mütter oder Partner. Strukturell erschwerend wirkt der Mangel an informellen Informationskanälen im weiblichen Peer-Umfeld. Da Frauen einen weniger investitionsaffinen Freundes- oder Kollegenkreis haben,– 38,4 Prozent bei Frauen gegenüber 51,2 Prozent bei Männern –, fehlen ihnen die sozialen Interaktionseffekte, die den Einstieg in den Aktienmarkt erleichtern könnten.
So schließen wir die Lücke
Um die Gender Investment Gap langfristig zu schließen, empfehlen die Autorinnen der Studie, Folgendes umzusetzen:
- Finanzbildung bereits in Schulen verankern, um tradierte Rollenbilder zu durchbrechen;
- Mädchen gezielt in finanzielle Entscheidungsprozesse einbeziehen;
- Weibliche Vorbilder fördern, um finanzielles Selbstvertrauen zu stärken.
Nur durch eine unabhängige und fundierte Vermittlung von Finanzwissen kann sichergestellt werden, dass Frauen die Chancen des Kapitalmarktes zur Risikominimierung von Altersarmut eigenständig nutzen und eine langfristige finanzielle Unabhängigkeit erreichen.