Drei Mitarbeitende der Universität Mannheim stehen im Foyer des B6-Gebäudes und unterhalten sich.

Politische Spannungen im Büro: Warum Wahlen das Arbeits­klima verändern

25.06.2026

In vielen Unter­nehmen gilt das ungeschriebene Gesetz: „Über Politik spricht man nicht.“ Doch dieses Vorhaben ist meist zum Scheitern verurteilt. Politische Über­zeugungen lassen sich nicht einfach an der Pforte abgeben; sie sind eine „tiefe Diversitätsdimension“, die oft über subtile Hinweise wie die Gestaltung des Schreibtischs, Konsumpräferenzen oder beiläufige Bemerkungen durchsickert.

Wenn dann die Zeit der Wahlen anbricht – etwa die US Präsidentschafts­wahlen –, ziehen politische Präferenzen ungefragt in die Büros ein. Eine aktuelle Studie der Universität Mannheim zeigt, dass in diesen hochsensiblen Phasen politische Differenzen die Zusammenarbeit nicht nur stören, sondern das Arbeits­klima regelrecht vergiften können.

Zentrale Er­kenntnisse
  • Politische Spannungen am Arbeits­platz nehmen während der Wahlperioden deutlich zu.
  • Wahlen reduzieren die „soziale Achtsamkeit“ und fördern negative Interaktionen zwischen politisch Andersdenkenden.
  • Politische Polarisierung kann Teamarbeit, Produktivität und Zusammenhalt noch lange nach dem Wahltag beeinträchtigen.
  • Inklusive Unter­nehmens­kulturen machen Organisationen widerstands­fähiger gegenüber politischen Spannungen.

Wahlen bringen politische Unter­schiede an die Oberfläche

Prof. Dr. Max Reinwald, Junior­professor für Management an der Universität Mannheim, Rouven Kanitz (Rotterdam School of Management), Peter Bamberger (Tel Aviv University), Julia Backmann (Universität Münster) und Martin Hoegl (Munich School of Management) haben sich diesem Thema gewidmet und die Ergebnisse in ihrer Studie "The Elephant and Donkey in the Roomim Fach­journal Organization Science veröffentlicht. 

Die zentrale Er­kenntnis der Forschung: politische Meinungs­verschiedenheiten sind am Arbeits­platz nicht nur statisches Hintergrundrauschen. Ihr destruktives Potenzial entfaltet sich insbesondere während Wahlperioden. Während die politische Gesinnung der Kollegen im Alltag oft im Hintergrund bleibt, führen Wahlen dazu, dass negative Interaktionen sprunghaft ansteigen.

Wenn politische Spannungen die Leistung beeinträchtigen

Für die Management­praxis ist dies hochgradig relevant, da politische Polarisierung heute als eines der größten globalen Risiken eingestuft wird. Die Forschung zeigt, dass diese Spannungen kein kurzes Aufflackern sind, sondern die Produktivität und das Teamgefüge über Wochen belasten können. 

Wenn Teams aufgrund politischer Lagerbildung nicht mehr effizient kommunizieren, leidet die gesamte organisatorische Leistungs­fähigkeit.

Die Psychologie hinter politischer Reibung am Arbeits­platz

Warum verhalten sich Menschen gegenüber politisch anders denkenden Kollegen während einer Wahl plötzlich un­freundlicher? 

Der treibende Faktor ist der Verlust der sogenannten sozialen Achtsamkeit (Social Mindfulness). In der Psychologie beschreibt dies die Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer bei eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen. Sie besteht aus zwei Komponenten: 

  • Die Fähigkeit, zu erkennen, was der andere braucht (kognitive Ebene)
  • Das Willen, bereit zu sein, rücksichtsvoll zu handeln (affektive Ebene).

Wahlen wirken als Katalysatoren, die die politische Identität so stark betonen, dass politisch Andersdenkende als eine Identitätsbedrohung wahrgenommen werden. Daraus resultiert ein Rückgang der sozialen Achtsamkeit. 

Dies ist oft keine bewusste Entscheidung, stattdessen binden die wahrgenommene Bedrohung und der Fokus auf Selbstschutz so viele kognitive Ressourcen, dass schlicht die Kapazität fehlt, auf die Bedürfnisse der Kollegen zu achten. Es ist somit eher als unbeabsichtigter Nebeneffekt der psychologischen Selbstverteidigung zu interpretieren.

Was drei Wahlen über politische Polarisierung am Arbeits­platz zeigen

Das Forscher­team hat dieses Phänomen in drei Studien während der US-Präsidentschafts- und Zwischenwahlen 2020, 2022 und 2024 unter­sucht. 

Die Ergebnisse stellen sich wie folgt dar.

  1. Der Zeitfaktor
    In einer Feldstudie zur Wahl 2020 zeigten sich vor der Wahl keine signifikanten Effekte. Doch am Wahltag und in den folgenden sechs Tagen stiegen die negativen Interaktionen bei politisch ungleich gesinnten Kollegen massiv an. In einer weiteren Studie zeigte sich, dass diese Effekte sogar bis zu zwei Wochen nach der Wahl anhalten können.
  2. Unfaires Verhalten nimmt zu
    In kontrollierten Experimenten nutzten die Forscher das sogenannte „Ultimatum Game“. Hierbei mussten Teilnehmer einen Bonus zwischen sich und einem Kollegen aufteilen. Das Ergebnis: Nach der Wahl neigten Teilnehmer bei politisch unähnlichen Partnern signifikant stärker zu Täuschungen. Sie logen bezüglich der Gesamthöhe des Bonus, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.
  3. Die Asymmetrie der Verlierer
    Die Daten der Wahl 2024 offenbarten eine interessante Nuance: Bei den Anhängern der Demokraten (den „Verlierern“ dieser Wahl) sank das empathische Mitgefühl gegenüber Andersdenkenden deutlich stärker als bei den Siegern. Dies deutet darauf hin, dass das Wahlergebnis die emotionale Kapazität für Achtsamkeit zusätzlich beeinflusst.

Was Führungs­kräfte tun können, bevor Spannungen eskalieren

Die Strategie, das Thema Politik im Büro-Umfeld auszublenden, ist nicht zielführend, da Mitarbeitende die politische Gesinnung von Kolleginnen und Kollegen auch ohne Worte durch subtile Hinweise wahrnehmen. Führungs­kräfte sollten daher proaktiv handeln und kurz vor Wahlen die „Soziale Achtsamkeit“ stärken. Schon einfache Erinnerungen, auch die Interessen der Kollegen zu berücksichtigen, können den reflexhaften Fokus auf die eigene Perspektive aufbrechen.

Die Forschung warnt auch vor gut gemeinter Motivation zum Perspektivenwechsel nach einer Wahl. Dieses Vorgehen („Sieh es doch mal so...“), kann dies bei hoher Identitätsbedrohung kontraproduktiv wirken und die negativen Interaktionen sogar noch verstärken.

Wie politische Differenzen besser zu handhaben sind

Unter­nehmen mit einer inklusiven Unter­nehmens­kultur profitieren. Wo psychologische Sicherheit herrscht und unter­schiedliche Perspektiven wertgeschätzt werden, eskalieren politische Differenzen deutlich seltener.