Industrieanlage mit mehreren Schornsteinen, aus denen dichte weiße Rauch- bzw. Dampfwolken in den blauen Himmel aufsteigen; im Vordergrund sind niedrige Gebäude, Rohre und gelbliche Materialhaufen zu sehen.

Der 141-Euro-Hebel: Wie gezielte CO₂-Bepreisung die Zementwende ermöglicht

26.06.2026

Wie können CO₂-intensive Industrien klimaneutral werden? Mathematische Modelle validieren nun, was die Industrie lange vermutet hat: Der Pfad zur Klimaneutralität ist kein rein technisches, sondern ein präzise kalkulierbares Preis-Problem. 

Die entscheidende Frage: Ab welchem Preis lohnt sich der Wandel? Eine aktuelle Studie von Gunther Glenk, Rebecca Meier und Stefan Reichelstein vom Mannheim Institute of Sustainable Energy Studies (MISES) unter­sucht, wie CO₂-Bepreisung Unter­nehmen dazu bewegen kann, in klima­freundlichere Technologien zu investieren. 

Das entwickelte Modell identifiziert den ökonomischen „Cost-Optimum“-Pfad zur Dekarbonisierung und belegt, dass der technologische Durchbruch in der Schwerindustrie an einer exakt definierbaren Preisschwelle hängt.

Zentrale Er­kenntnisse
  • 141 Euro pro Tonne markieren den Schwellenwert für die Dekarbonisierung der Zementindustrie.
  • Unter­halb dieser Schwelle setzen Unter­nehmen vor allem auf schrittweise Effizienzsteigerungen.
  • Eine verlässliche CO₂-Bepreisung schafft die notwendige Planungs­sicherheit für Investitionen.
  • Eine gezielte CO₂-Bepreisung könnte die Emissionen der Zementindustrie um bis zu 96 % senken.

85 Euro: Impulse ohne Investitions­sicherheit

Der aktuelle Status quo, ein durchschnittlicher CO₂-Preis von ca. 85 Euro pro Tonne (Basis 2023), führt in eine strategische Sackgasse. In diesem Preissegment operieren Unter­nehmen lediglich im Bereich der inkrementellen Verbesserung. „Etwas höher“ führt auch nicht zu den gewünschten Ergebnissen: Zwischen 85 und 140 Euro befindet sich die Industrie in einem „sensiblen Preiskorridor“. 

Dieser Preiskorridor ist durch Investitions­verzögerung geprägt: Das Preissignal ist hoch genug, um Schmerz zu verursachen, aber zu niedrig, um die notwendige Investitions­sicherheit für großskalige Anlagen zu bieten.

141 Euro: CO₂-Abscheidung wird rentabel

Der strategische Wendepunkt – der Systemwechsel – erfolgt bei exakt 141 Euro pro Tonne CO₂. Ab dieser Schwelle verschiebt sich die Logik fundamental: Investitionen in die CO₂-Abscheidung (Carbon Capture) werden betriebs­wirtschaft­lich rentabel. Bei einem CO₂-Preis von 141 Euro trans­formiert sich der Klimaschutz vom Kostentreiber zum Instrument des Risiko­managements.

Es ist schlichtweg günstiger, in die technologische Trans­formation zu investieren, als die Opportunitätskosten in Form von permanent steigenden CO₂-Abgaben zu tragen. Dieser ökonomische Zwang zur Innovation sichert langfristig die globale Wettbewerbs­fähigkeit.

Stabile Preissignale als Grundlage für Investitions­entscheidungen

Die Ergebnisse unter­streichen die Bedeutung einer verlässlichen Lenkungs­wirkung. Eine planbare, moderate Erhöhung des CO₂-Preises gefährdet die Wirtschaft­lichkeit der Schlüsselindustrien nicht, sondern schafft die Grundlage für großvolumige Investitions­entscheidungen. 

Wenn die Politik durch Preissignalkonstanz für die nötige Planungs­sicherheit sorgt, wird die Dekarbonisierung zum Selbstläufer industrieller Vernunft. 

Die Studie zeigt damit: Die Zementwende ist mit einem gezielten CO₂-Preis von 141 Euro technisch machbar und ökonomisch trag­fähig. Dieser CO₂-Preis ist der Schlüssel, um von der bloßen Effizienzsteigerung zur fast vollständigen Dekarbonisierung (96 %) zu gelangen.