Zwei leere Einkaufskörbe liegen auf einer grünen Moosfläche und symbolisieren nachhaltigen Konsum.

Nachhaltigkeit hat ihren Preis

12.08.2026

Unsere Wirtschaft bewegt sich im Spannungs­feld zwischen Kostendruck einerseits und ambitionierten Klimazielen andererseits. Für die Einkäufer*innen von B2B Unter­nehmen wird die Preisgestaltung zum Drahtseilakt: Nachhaltigkeit gehört zum Pflicht­programm, aber die Preissensibilität hierfür wird durch unvorhersehbare Schwankungen in der gesamtwirtschaft­lichen Entwicklung deutlich verstärkt. 

Gerade für ökologische Innovationen bleibt bei der Preisgestaltung die Frage: Wie teuer darf Nachhaltigkeit sein, um noch wettbewerbs­fähig zu bleiben? Und wie glaubwürdig erscheinen ökologische Produkte, wenn sie „zu billig“ ver­marktet werden? 

Die Über­einstimmung von Preis und Nachhaltigkeit im B2B-Einkauf

Die herkömmliche ökonomische Logik besagt: Ein niedrigerer Preis bei gleich­bleibender Qualität führt zu einer höheren Absatzwahrscheinlichkeit. Doch bei Nachhaltigkeits­themen greift dieses Prinzip zu kurz. Hier regiert das Konzept des „Price–Sustainability Fit“. Professionelle Einkäufer*innen bewerten Produkte nach einer plausiblen Über­einstimmung zwischen dem ökologischen Anspruch und dem geforderten Preis.

Zentrale Er­kenntnisse
  • Nachhaltigkeits­versprechen und Preis müssen zusammenpassen. B2B-Einkäufer*innen erwarten, dass sich der ökologische Anspruch eines Produkts plausibel im Preis widerspiegelt.
  • Ein unerwartet niedriger Preis kann Misstrauen auslösen. Es können Zweifel an der tatsächlichen Nachhaltigkeit, der Qualität oder der Zuverlässigkeit des Produkts entstehen.
  • Preisvorteile müssen nachvollziehbar erklärt werden. Prozess­innovationen, Upcycling-Materialien oder glaubwürdige Zertifikate können begründen, warum ein nachhaltiges Produkt dennoch günstig angeboten werden kann.
  • Die Reaktion der Käufer ist kontextabhängig. Persönliche Werte, Anreize und die Nachhaltigkeits­strategie des Unter­nehmens beeinflussen die Kaufentscheidung.

Ein hoher Preis fungiert im B2B-Kontext auch als Glaubwürdigkeits­signal. Da die Trans­formation zu grünen Produktions­prozessen nachweislich hohe Investitionen erfordert, erwarten Einkäufer*innen eine entsprechende preisliche Abbildung. Ein hoher Preis „legitimiert“ die ökologische Qualität. Bei einem überraschend günstigen Öko-Angebot dagegen, gerät das gesamte Wertversprechen ins Wanken.

Dies ist die zentrale Er­kenntnis einer Studie von Prof. Dr. Christian Homburg und Dr. Aline Isabelle Lanzrath, Lehr­stuhl für Business-to-Business Marketing, Sales & Pricing an der Mannheim Business School, gemeinsam mitDr. Guzi Huang von der Alliance Manchester Business School. Dabei wurde sowohl auf einen strengen methodischen Ansatz als auch auf eine breite Datenbasis geachtet: die Forscher*innen sprachen mit Experten aus der EU und China und führten Tiefeninterviews mit Einkäufer*innen, Vertriebsmitarbeitern und Nachhaltigkeits­profis. 447 B2B-Einkäufer*innen aus unter­schiedlichen Schlüsselindustrien, dar­unter der Automobilindustrie, der Chemische und pharmazeutische Industrie sowie aus Maschinenbau und Elektrotechnik und Metall- und Kunststoffverarbeitung haben an der Unter­suchung teilgenommen.

Warum „Öko-Schnäppchen“ Misstrauen wecken

Die Studie identifizierte unter anderem ein universelles Verhaltensmuster: professionelle Einkäufer*innen zeigen bei vermeintlichen „Öko-Schnäppchen“ oft große Skepsis.

In der Psychologie spricht man von „positiver Diskonfirmation“, wenn ein Produkt die Erwartungen übertrifft – etwa, wenn ein hochgradig nachhaltiges Produkt unerwartet günstig ist. Während Privatkunden hier meist freudig zugreifen, löst dies im B2B-Sektor massives Misstrauen aus. Einkäufer*innen reagieren bei unerwartet niedrigen Preisen für nachhaltige Produkte skeptisch, sie vermuten dahinter entweder ein „Greenwashing“ oder funktionale Mängel, die ein enormes Risiko für die industriellen Nachfolgeprozesse befürchten lassen.

Nachhaltigkeit muss trans­parent kommuniziert werden

Ein Ergebnis der Studie ist daher: Nachhaltigkeit muss trans­parent kommuniziert werden. Wenn ein nachhaltiges Produkt günstig angeboten wird, muss der Kostenvorteil proaktiv erklärt werden – etwa durch den Einsatz von Upcycling-Materialien oder Prozess­innovationen, die die Kosten senken, ohne die Qualität zu mindern. Auch der Einsatz von Umweltzertifikaten kann ein Ansatz sein. Ein günstiges Angebot ohne entsprechende Nachweise erhöht die Risikoaversion der Einkäufer*innen und führt häufig dazu, dass das Angebot nicht berücksichtigt wird. Ein plausibler Price-Sustainability Fit ist für die Glaubwürdigkeit wichtiger als ein aggressiver Kampfpreis.

Wenn ein nachhaltiges Produkt günstig angeboten wird, muss der Kostenvorteil proaktiv erklärt werden.

Allerdings wirkt der Price–Sustainability Fit nicht bei allen Einkäufer*innen gleich stark. Persönliche Werte schlagen selbst in der vermeintlich rein rationalen Beschaffungs­welt durch. Auch Incentivierungs­strukturen der Einkäufer*innen und die übergeordnete Nachhaltigkeits­strategie eines Unter­nehmens spielen natürlich eine entscheidende Rolle. Für Vertriebs­teams heißt das: Die richtige Ansprache hängt auch davon, wie die Einkaufs­organisation des Kunden tickt. Auch hierzu liefert die Forschung eine Matrix zu Orientierung.

Der Preis sagt mehr aus, als man denkt

Die Studie verdeutlicht allerdings, dass der Preis eine verschlüsselte Botschaft über den Wert und die Redlichkeit eines Produkts ist. Unter­nehmen müssen den Preis als strategisches Instrument begreifen, um Glaubwürdigkeit in einer skeptischen Markt­umgebung zu schaffen.