DE / EN

Zweites Leben oder Recycling? Der tatsächliche Wert gebrauchter EV-Batterien

Mit der steigenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen (EVs) stellt sich eine weniger präsente, aber zunehmend dringliche Frage: Was geschieht, wenn ihre Batterien das Ende ihrer ersten Lebens­dauer erreichen?

Obwohl EV-Batterien möglicherweise nicht mehr die für Mobilität notwendigen Leistungs­standards erfüllen, besitzen viele von ihnen noch immer eine beträchtliche Energiespeicherkapazität. Dies stellt ein bedeutendes wirtschaft­liches und nachhaltigkeits­bezogenes Dilemma dar: Sollten diese Batterien eine neue Verwendung bekommen oder direkt recycelt werden?

Die Antwort hat bedeutende Folgen. Sie wirkt sich auf die Investitions­entscheidungen der Unter­nehmen, die wirtschaft­lichen Aspekte der Energiewende sowie die Glaubwürdigkeit von Strategien zur Kreislaufwirtschaft aus.

Ein wachsender Markt für gebrauchte Batteriekapazitäten

EV-Batterien sind ein Beispiel für Ressourcen, die nach der ersten Verwendung oft noch eine beträchtliche Funktions­fähigkeit aufweisen. Mit der globalen Verbreitung von Elektroautos gelangen große Mengen an gebrauchten Batterien auf den Markt. Gleich­zeitig wächst die Nachfrage nach stationären Energiespeichern, etwa zur Stabilisierung des Netzes oder zur Speicherung erneuerbarer Energien.

Auf den ersten Blick scheinen Second-Life-Anwendungen eine Win-Win-Situation zu sein: Sie verlängern die Nutzungs­dauer von Ressourcen, verringern Abfall und fördern Nachhaltigkeits­ziele. Ob die Umnutzung tatsächlich einen Mehrwert bringt, hängt von mehr als nur guten Absichten ab.

Der wirtschaft­liche Wert von Batterien für eine zweite Nutzung

In der aktuellen Studie „Fair Market Value of Used Capacity Assets: Forecasts for Repurposed Electric Vehicle Batteries“ haben die Forscher Dr. Amadeus Bach und Prof. Stefan Reichelstein vom Mannheim Institute of Sustainable Energy Studies (MISES) gemeinsam mit den Stanford-Forschern Prof. Simona Onori und Jihan Zhuang ein analytisches, allgemeingültiges, wirtschaft­liches Bewertungs­modell entwickelt, um diese Frage zu beantworten.

Das Modell berücksichtigt wichtige Faktoren, dar­unter:

  1. Technologische Fortschritte bei der Batterieleistung
  2. Kapazitätsverlust im Laufe der Zeit
  3. Kosten für die Umnutzung
  4. Der Restwert von recycelten Materialien

Die Autoren wenden diesen Rahmen auf zwei häufig verwendete Arten von Lithium-Ionen-Batterien an:

  • LFP-Batterien (Lithium-Eisen-Phosphat)
  • NCX-Batterien (Nickel, Kobalt und X)

Es gibt keine Einheits­lösung

Die Resultate stellen die Annahme, dass alle gebrauchten EV-Batterien automatisch ein zweites Leben bekommen sollten, in Frage.

Die Analyse zeigt, dass LFP-Batterien grundsätzlich für Second-Life-Anwendungen geeignet sind. Aufgrund ihrer stabilen chemischen Zusammensetzung, ihrer längeren Lebens­dauer und geringeren Recyclingkosten ist ihre Wiederverwendung in zahlreichen Szenarien wirtschaft­lich sinnvoll.

Im Gegensatz dazu sollten NCX-Batterien häufig sofort recycelt werden. Obwohl sie noch eine gewisse Restkapazität besitzen, macht ihr hoher Materialwert – bedingt durch Nickel und Kobalt – zusammen mit der begrenzten Anzahl wirtschaft­lich rentabler Zyklen das Recycling gegenüber der Wiederverwendung attraktiver.

Kurz gesagt: Die wirtschaft­lich effizienteste Kreislauf­strategie ist abhängig von der chemischen Zusammensetzung der Batterie.

Implikationen für Unter­nehmen und politische Entscheidungs­tragende

Für Unter­nehmen bieten die Ergebnisse klare Leitlinien.

  1. Gezielte Entscheidungen erhöhen die Wertschöpfung: Durch die Unter­scheidung von Umnutzung und Recycling je nach Batterietyp können Unter­nehmen Kreislaufziele effektiver mit wirtschaft­lichen Über­legungen vereinbaren.
  2. Designentscheidungen formen die Kreislaufwirtschaft: Gewichtsreduzierte oder strukturell integrierte Batterien steigern die Effizienz bei der Erstnutzung, können aber die Umnutzung technisch komplexer und kostenintensiver machen.

Daher haben Entscheidungen, die in der Design­phase getroffen werden, nachhaltige Aus­wirkungen auf die Machbarkeit und die Kosten der Umsetzung und beeinflussen damit die Kreislaufwirtschaft über den gesamten Lebens­zyklus hinweg.

Die Kreislaufwirtschaft neu denken

Die Grundsätze der Kreislaufwirtschaft gehen über Batterien hinaus. Strategien hierfür sollten auf realen wirtschaft­lichen Bedingungen aufbauen. Eine längere Lebens­dauer einer Ressource ist nicht zwingend nachhaltig, wenn die Kosten den Nutzen übersteigen oder wenn wertvolle Materialien ineffizient gelagert werden.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine Umnutzung möglich ist, sondern wann sie wirklich Mehrwert schafft.

Mehr zum Thema:

Zurück