Gewinn um jeden Preis? Die moralischen Grenzen unternehmerischen Handelns

Eine groß angelegte Studie von Prof. Dr. Oliver Spalt, Lehrstuhlinhaber für ABWL, Finanzwirtschaft und Finanzmarktinstitutionen an der Universität Mannheim, zusammen mit Prof. Dr. Zwetelina Iliewa und Prof. Dr. Elisabeth Kempf, basierend auf einer repräsentativen Umfrage unter 2.047 US-Bürgern, belegt, dass wir Unternehmen nicht nur als Rechenmaschinen, sondern auch als moralische Akteure wahrnehmen.
Effizienz ja, individuelles Leid nein
Eines der prägnantesten Ergebnisse der Untersuchung betrifft den Umgang mit Personal. Während die „Friedman-Doktrin“ postuliert, dass die einzige soziale Verantwortung eines Unternehmens in der Gewinnmaximierung besteht, zeigt die empirische Realität eine massive Abkehr von diesem Prinzip.
Über 85 % der Befragten lehnen Entlassungen ab, selbst wenn diese den Shareholder Value nachweislich und sicher steigern würden. Dies ist kein flüchtiges Stimmungsbild, sondern Ausdruck einer stabilen ethischen Grundhaltung. Die Menschen sind bereit, signifikante finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen, um das zu vermeiden, was sie als moralischen Schaden empfinden.
Interessanterweise zeigt die Studie, dass eine allgemeine Kostensenkung („cost cutting“) nur von 21 % der Befragten abgelehnt wird. Das deutet darauf hin, dass die Öffentlichkeit sehr präzise differenziert: Effizienzsteigerung ist moralisch neutral – das direkte Leid von Individuen durch Entlassungen hingegen ist ein moralischer Trigger.
In der aktuellen ESG-Debatte (Environmental, Social, Governance) dominieren oft Themen wie Klimawandel und Diversität. Die Studie zeigt jedoch, dass die moralische Intuition der Bürger einer anderen Hierarchie folgt. Klassische Firmenthemen, die das unmittelbare Schicksal von Arbeitnehmern oder die interne Gerechtigkeit betreffen, werden als weitaus gewichtiger eingestuft.
Was, wenn Gewinn selbst eine moralische Erwartung ist?
Ein „Aha-Moment“ der Studie liegt in der Neubewertung der Profitmaximierung. Die Unterstützung des Shareholder-Value-Prinzips wird oft als Amoralität oder Egoismus missverstanden. Die Daten zeigen jedoch das Gegenteil: Für viele Menschen ist Profitstreben eine moralische Tugend. Menschen mit einem hohen Maß an Autoritätsgläubigkeit sehen das Unternehmen in einer traditionellen, fest definierten Rolle innerhalb der sozialen Ordnung. Ein Unternehmen, das Gewinne maximiert, erfüllt demnach seine „Pflicht“ gegenüber der Gesellschaft und stabilisiert die Institutionen.
Schaden vermeiden zählt mehr als Gutes tun
Die Studie deckt eine interessante Asymmetrie in unserer Wahrnehmung auf: Die Sensibilität der Befragten gegenüber finanziellem Profit unterscheidet sich drastisch, je nachdem, ob ein Unternehmen Schaden vermeiden (Avoiding Harm) oder aktiv Gutes tun (Doing Good) möchte.
- Beim „Gutes tun“ (z. B. unrentable grüne Projekte) reagieren die Menschen sehr sensibel auf die Höhe des finanziellen Opfers. Je teurer das Projekt, desto geringer die Unterstützung.
- Beim „Schaden vermeiden“ (z. B. Verzicht auf profitable Entlassungen) ist die Kurve (der „Slope“) weitaus flacher. Hier spielt die Höhe des entgangenen Gewinns kaum eine Rolle – die Ablehnung des Schadens bleibt nahezu absolut, unabhängig davon, wie viel Geld auf dem Spiel steht.
Für das Management bedeutet dies: Moralische Fehltritte wie exzessive Boni oder Massenentlassungen wiegen schwerer als jede CSR-Kampagne jemals an positivem Image wiedergutmachen könnte.
Mehr als ein Trend: stabile moralische Überzeugungen
Die Ergebnisse der Forschung sind von bemerkenswerter Beständigkeit. Eine Folgestudie im Februar 2025 (N=287), durchgeführt nach einem signifikanten politischen Machtwechsel in den USA, bestätigte die Ergebnisse: Die moralischen Rankings blieben stabil. Es handelt sich also um robuste Präferenzen (durable preferences), nicht um kurzfristige Reaktionen auf politische Schlagzeilen.
Das moralische Trilemma der Stakeholder
Die Ergebnisse machen deutlich: Stakeholder stehen nicht vor einer einfachen Abwägung zwischen Geld und Moral, sondern vor einem moralischen Trilemma.
- Die Sorge um das Individuum (individualisierende Werte).
- Die Bewahrung von Tradition und Ordnung (bindende Werte/
Autorität). - Die Schaffung von finanziellem Wert.
Diese Werte stehen nicht immer im Einklang – doch genau hier liegt die Herausforderung moderner Unternehmensführung.
Moral als Leitlinie für Management
Corporate-Governance-Modelle, die Moral lediglich als „weichen Faktor“ oder als Marketinginstrument begreifen, greifen zu kurz. Die Studie zeigt vielmehr, dass moralische Erwartungen tief verankert und bemerkenswert stabil sind. Für das Management bedeutet das: Legitimität entsteht nicht allein durch Rendite oder wohlklingende CSR-Initiativen, sondern durch glaubwürdige Entscheidungen in moralischen Grenzsituationen.
- Den vollständigen Forschungsartikel finden Sie hier.